Detlef Papsdorf hat im Internetforum der Arbeitsgemeinschaft Mitteldeutscher Familienforscher (AMF) den hübschen Brauch aufgebracht, bei der genealogischen Arbeit gefundene Zitate aus historischen Quellen wie Kirchen- oder Gerichtsbüchern, Chroniken, alten Urkunden usw. im Original vorzustellen. Viele sind heiter und bringen uns heute Lebenden zum Schmunzeln. Andere berichten gerade auch von menschlichem Leid, von Unfällen, tragischen Ereignissen, Bosheit oder Verbrechen und regen zum Nachdenken über vielerlei geschichtliche Umstände und die (oft schlimmen) Lebensverhältnisse unserer Ahnen an. Allen gemeinsam ist, dass sie schlaglichtartig und unvermittelt Menschlich allzu Menschliches beleuchten. In der - oft derben - Sprache vergangener Jahrhunderte erzählen sie die Fragen des Lebens von Geburt und Tod, Liebe und Hass, Freundschaft und Feindschaft, Leidenschaft und Gleichgültigkeit. Nachfolgend sind einige der schönsten, interessantesten, anrührendsten, aber auch schauerlichsten und traurigsten Trouvaillen zusammengestellt. Die Sammlung liegt auch als Broschüre zum Verschenken vor.
Motto
Bücher sind wie Spiegel: Wenn ein Affe hineinschaut, kann kein Apostel herausgucken.
[Georg Christoph Lichtenberg, Mathematiker und Philosoph, * Oberramstadt bei Darmstadt 1742, † Göttingen 1799]
Von der Namensfindung
"6. Augusti Andreas Wiedmann ein Kerner [Vater] Margaretha [Mutter] Merten Otto, Barthel Steude, Eva Henin [Paten]. Fuit filius, aber der narr wußte nicht wie das solt heissen ist auch mir hernach nicht angezeigt worden."
[Kirchenbuch Colditz 1570-1579, Taufen 1573 Nr. 54, mitgeteilt von Detlef Papsdorf]
Vom richtigen Namen für ein jedes Ding:
"Die Geringen Gassen [in Jena] sind diese:
I. ...
II. Um den Marck[t]: Das Roßmarin=Gäßlein ... hinter dem Rathhause, und hat seinen Nahmen nicht von wolriechenden Roßmarin, die etwan bey den Fenstern zur Zierde und zum Geruch stehen, sondern von den ungefegten Latrinen und Cloacen, die nicht wie Roßmarien wolrichen, sondern wie Koth und Unflat übel stincken: Darwieder dienet bißweilen ein starcker Regen, täglich aber das abgelassene und durchfliessende Wasser des Leuterbachs."
[Beier, Adrian. Architectus Jenensis. Neu herausgegeben von Herbert Koch [Erstauflage 1672]. Jena: Bernhard Vopelius 1936, S. 79. Pfarrer Beier
verschleiert hier die eigentliche Bedeutung des Straßennamens. "Rosmarien" hießen nämlich die Prostituierten. Das "Roßmarin-Gäßlein" ist also die Hurengasse.
Verf. dankt Herrn Dieter H. Steinmetz, Ortshistoriker von Calbe an der Saale, für den Hinweis.]
Von hohen Persönlichkeiten
"[Reichenbach, Präsident des Kurmärkischen Konsistoriums, Vizepräsident aller Konsistorien und Mitglied des "geistlichen Departements", mithin ein hochrangiger Beamter] studirte und lernte just soviel, als er zu dieser ihm aufgetragenen Königl. Commission nöthig hatte. ... Von Persohn war er groß und ansehnlich, angenehm und obligant im Umgange; wenn er aber Gelegenheit fand, seine Auctoritaet öffentlich zu zeigen, so war er nach Art der kleinen Geister keck, kühn und grob. Doch war er viel geschulter als der Etaats Minister von Brand, den der konte garnichts. Der König verlangte zu solchen Posten Leute, die Geld hatten und also zusezen und sich geschickte Secretairs halten konten. Seine Leute brauchten keine große Gelarsamkeit; wenn sie nur geschickt waren, sogleich des Königes Willen zu faßen und völlig zu begreifen und sich hernach pünctlich darnach zu richten, so waren sie ihm recht und brauchbarer als alle hoch Studirte..."
[Carsted, Samuel Benedikt. Atzendorfer Chronik, bearb. von Eduard Stegmann. Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und des Freistaates Anhalt, Neue Reihe Bd. 6. Magdeburg: Historische Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt 1928, § 141 zur Generalkirchenvisitation im Herzogtum Magdeburg von 1738.]
Von Kampfliedern, Politikern und Gicht
"Her Köting heth en bederve man,
Wor undank oget, dar gheit he van
Und leth sinen föten podagel han."
[Ratsherr Koting heisst ein biederer Mann,
wo nur Undank und Mühe ist, geht er nicht hin,
lässt seine Füße Podagra (Gicht) haben.
Auszug aus einem Spottgedicht aus der Zeit der Hamburger Unruhen 1457/58 gegen den Rat, hier gegen den Kaufmann, Ratsherrn und Kämmereiherrn (Finanzsenator) Hinrich Koting (gest. Hamburg 24.02.1465), der die Stadt auf zahlreichen Auslandsreisen nach Flandern, die Niederlande, Dänemark, Burgund, Frankreich, England und zu den Hansetagen vertrat. Mal nützte seine Untätigkeit der Stadt, so als die Brügger Kaufleute sich dagegen wandten, dass Hamburg und sein Vorposten Ritzebüttel (heute zu Cuxhaven) für die Bergung eines gestrandeten Schiffes 1/3 der Ladung als Gebühr einbehielten, mal schadete sie ihr, so als seine Delegation den Beschwerden hamburgischer Kaufleute gegen französische und englische Maßnahmen an den dortigen Königshöfen kein Gehör verschaffen konnte. Die Dienstreise dauert übrigens ein knappes Jahr.
Zitiert nach Christiansen, Ragnvald. Meine Vorfahren. Familienberichte [Auszug]. Bonn 2002, "Koting" S. 2.
Zum Mittelniederdeutschen, der Sprache in der das Spottgedicht verfasst ist, vgl. die Einleitung zum Nachdruck des
"Slechtbok", Bd. 9 der Schriften zur Geschichte der Familie Pabst.]
Von Zulagen und Ehrfurcht
"Ich nahe Eurer Königl. Hoheit mich erfurchtsvoll mit der alleruntertänigsten Bitte,
Mich mit einer jährlichen Zulage, und den gewöhnlichen Kleidergeldern, die
andere Hof-Astivianten erhalten, allergnädigst zu erfreuen.
Ich schmeichle mir einer gnädigen Erhörung und ersterbe in tiefster Erfurcht
Neustreliz 23. November 1818
T[heodor] Selmer"
[Selmer, geb. 1788, war Hofmundschenk am Hof in Neustrelitz. Mitgeteilt von Katharina Hines, Arkansas, USA]
Von Vorgesetzten, Hochachtung und Widmungen
"Seiner Excellenz
dem königlich Großbritannisch Hannoverschen
Herrn General-Lieutenant Röttiger,
Director des Armee-Materials, Commandeur
des Guelphen-Ordens u.u.u.
Eurer Excellenz
wage ich dies Buch als einen Beweis
meiner Vererhrung zuzueignen.
Meine Aufstellung als Lehrer der Mathematik
an der unter Ihrer Direction gestandenen Militair-Schule,
wodurch ich die Gelegenheit erhielt, mich dieser Wis-
senschaft mehr zu widmen als sonst meine damaligen
Dienst-Verhältnisse gestattet haben würden, verdanke ich
Eurer Excellenz hohen Anordnung.
Möchten Sie es gütig aufnehmen, wenn ich den
tiefgefühlten Dank hier öffentlich ausspreche, den ich
Ihnen in so vieler Hinsicht schuldig bin! Unvergeßlich
wird mir stets die Zeit bleiben, in der ich dem Regi-
mente angehörte, das Eure Excellenz zum Ruhme
führten, das Ihr hochverdienstvolles Commando beglückte,
worin sich die Güte, welche die Herzen der Untergebenen
gewinnt, mit der festen Gerechtigkeit vereinte, welche die
Achtung der Gesetze und der Disziplin aufrecht hält.
Im Wechsel der Dinge des Glücks beraubt,
unter Ihrer unmittelbaren Leitung für Beruf und
Wissenschaft zu wirken, darf ich doch die zuversichtsvolle
Hoffnung hegen, daß Eurer Excellenz unschätzbares
Wohlwollen für mich nicht aufhören werde!
Mit unbegrenzter Hochachtung verharre ich
Eurer Excellenz
gehorsamst
H. Ludowieg
Hannover
den 13. April 1835"
[Widmung im "Lehrbuch der Arithmetik und der Anfangsgründe der Allgebra, für Gymnasien und höhere Lehranstalten von J.C.H. Ludowieg, Artillerie-Captain a.D., Oberlehrer der Mathematik und Physik an dem Gymnasium zu Stade. - Hannover, 1835", mitgeteilt von Dietmar Seipt, Eltville am Rhein]
Von Pfarrern, Dichtern und Bewerbungsschreiben
Der Eberstädter Pfarrer Johannes May (1724-1796) "hatte ohne Zweifel eine starke poetische Ader". Die Bewerbung um ein
Pfarramt reichte er 1751 durch ein Gedicht in der "Frankfurter gelehrten Zeitung" ein, das folgendermaßen endete:
Mein Wunsch ist klein vor Deine Gnad,
ich such nicht Ehr, noch große Schätzen.
Du kannst mich ohne Wunderthat
mit einem Wort in Ruhe setzen.
O mach den Schluß von meinem Reim:
Schreib, theurer Fürst, schreib: Bibißheim!
May wollte also die Pfarrstelle in Biebesheim am Rhein. Der teure Fürst, Landgraf Ludwig VIII., schrieb jedoch nicht "Bibißheim", sondern Eberstadt
an der Bergstraße (seit 1937 zu Darmstadt).
[Zit. nach Weißgerber, Wolfgang. Zur Persönlichkeit des Autors. In: [May, Johannes]. Oekonomische ... Anmerkungen
über die Ab- und Zunahme des Nahrungsstandes der Unterthanen in Eberstadt bei Darmstadt. Nachdruck der
Ausgabe Darmstadt: Verlag der Fürstlichen Invalidenbuchhandlung 1791, Darmstadt: H.L. Schlapp 1979, S. 32.
May blieb sich treu, wie das folgende Zitat zeigt, mit dem er 1756 den Landgrafen um Hilfe für die Reparatur des Zaunes um den
Pfarrgarten anschrieb:]
Von Pfarrern, Dichtern und Gartenzäunen
Du bist, Durchlauchtigster,
an Holtz und Gnade reich,
wir arm an Holtz und Geld,
und doch benoth zugleich.
Zwei Stämm zum Gartenschutz
zu etlich hundert Planken
braucht Pfarrey Eberstadt -
o laß Dir davor dancken!
[Der Landgraf gab dem Gesuch statt (a.a.O. S. 34 f.). Nicht allen gefiel die May'sche Reimkunst. Der Reiseschriftsteller
Joachim Heinrich Campe urteilt 1786 über einen anderen Vers aus der Feder des Eberstädter Pfarrers wie folgt (a.a.O. S. 34):]
Von Literaturkritik und dem rohen Gehirn eines Bereuters
"Diese Reimereien sind so erbärmlich, daß sie in dem rohen Gehirn eines Jägers oder Bereuters entstanden sein
müßten, der, ohne den Auftrag dazu zu haben, seinem Fürsten eine derbe Schmeichelei auftischen wollte, um
ein Geschenk oder eine bessere Versorgung zu erhaschen."
Vom Wegloben
Schreiben des Rates zu Lützen (südwestlich von Leipzig). Man hat erfahren, dass die "Jungfraw Schul" zu Pegau neu besetzt werden soll und empfiehlt als Lehrerin Maria verw. Stadtschreiber Georg Rausch zu Weißenfels, die sich als Vorzeigerin dieses Empfehlungsschreibens beim Rat der Stadt Pegau melden wird.
[Stadtgericht Pegau Nr. 142 Bl. 2 vom Januar oder Februar 1587]
Fünf Jahre später findet sich im selben Gerichtsbuch das Zeugnis für die "Jgfr. Schulmeisterin zu Pegau". Sie ist unfleißig und liegt mehr ihrem "Brauen und Schenken, sonderlich aber ihren spinaryb" (?) [wohl Spinnarbeiten] und Leinwandbleichen, denn der Schule ob. Manche Eltern halten ihre Kinder deswegen der Schule fern!
[Stadtgericht Pegau Bl. 61b vom 27.11.1592, beide zitiert nach Ziller, Martin (Verf.); Mühlberg, Uta; Papsdorf, Detlef (Bearb.). Pegau in Sachsen. Regestensammlung der Stadtbücher 137-144 (vom 20. Februar 1559 bis zum 22. Dezember 1598). [Hungen]: Familienarchiv Papsdorf 2001.]
Von Schuldienern, Schankwirten und Streithähnen
1661 war in Markkleeberg, südlich von Leipzig, das "Schulmeister- und Küsteramt" nach dem Tod des bisherigen Amtsinhabers Christoph Knoll am 28.04.1661 neu zu besetzen. Über die Nachfolge entstand ein heftiger Kompetenzstreit zwischen dem Ortspfarrer Adam Roth(e) und dem Rittergutsbesitzer und Gerichtsherrn Statz Friedrich von Fullen. Beide schlugen verschiedene Kandidaten vor und machten die Kandidaten des Kontrahenten gegenüber dem Konsistorium madig. Den Anfang machte von Fullen, Roth repliziert. In seiner Duplik schreibt von Fullen am 05.06.1661 u.a.:
"... Daß die Zween, so der Pfarrer [Roth] erwählet zu haben, vermeinet, gute Attestate haben und nicht schlechterer Not sein sollen, auch bei den meisten der Eingepfarrten einen Applausum hätten, verhält sich nicht also, denn ich [Fullen] bei den Kirchvätern nachgefragt und berichtet worden, daß Michel Günther, so Schulmeister zu Wolckwitz gewesen, auch ein Vierteljahr für den verstorbenen Schulmeister [Knoll] aufgewartet, aber wegen seines leichtfertigen Lebens zu Wolckwitz vor etlichen Jahren abgesetzt, wie zweifelsohne auch einem löblichen Consistorium wissend, nachgehends eine Schenke gekauft, welche nunmehero auch durchgebracht sein soll; die Kirchväter berichten auch, daß er nicht so gut einmal schreiben kann, wie die, so er zu unterrichten gedächte. ... [Legt als Beweis Schriftprobe bei] ... Ich halte aber dafür, daß weil der Pfarrer genannten Michel Günther gänzlich zu diesem Küsteramt befördern will, geschieht mehr, sein eigen Interesse zu beobachten, als der Kirch und Schul dadurch wohl vorzustehen, zumal er seines Handwerks ein Schneider, welcher vielleicht dem Pfarrer seine Kinder eher bekleiden, als die Jugend im Katechismus und im Schreiben unterrichten dürfte ..."
Die letzte boshafte Unterstellung von Eigeninteresse (tatsächlich hatte Pfarrer Roth 13 Kinder) war eine Reaktion auf die Behauptung Roths in seiner vorgängigen Eingabe vom 20.05.1661, wo dieser schreibt:
"... Es meint der von Fullen, er wolle für sich alleine, mir dem Pfarrer lieb oder leid, einen Schulmeister in die Kirche setzen, ohne Zweifel mehr zu seinem als zu meinem und der Kirche Dienste. Maßen denn bekannt, daß er und seine Gemahlin [Anna Catharina von Anckelmann] des verstorbenen Schulmeisters zu Tage und zu Nacht mit vielen weitläufigen Schreiben mancherlei Sachen bis wenige Tage vor seinem Absterben sich gebrauchet. ..."
[Zit. nach Schlichting. Geschichte der Kirchgemeinde Markkleeberg ... in 3 Bänden (nur Bd. 1 erschienen). Leipzig: Bibliographisches Institut 1937. Zur Familie der erwähnten Anna Catharina von Anckelmann s. Bd. 7 der Schriftenreihe.]
Von Steuerreformen
"DRESDEN (RTR) Die sächsische Kleinstadt Leisnig ist von einem vor rund 500
Jahren eingeführten "Herings-Zins" befreit worden. Mit dieser Zahlungspflicht
solle nun endgültig Schluss sein, versicherte das sächsische Finanzministerium
in Dresden. Die Steuer war erstmals im Jahr 1504 erhoben worden. Das sächsische
Herrscherhaus erhielt jeden Aschermittwoch eine Tonne Heringe, später dann den
Gegenwert in Geld. Warum ausgerechnet die Leisniger diesen Zins zahlen mussten,
und wann dies zuletzt geschah, ist nach Angeben des sächsischen
Finanzministeriums unbekannt. "
[Schweinfurter Tagblatt vom 22.2.2002, mitgeteilt von Volkmar Weber, Schweinfurt. Die Leisniger verstanden es,
der Residenz zu vermitteln, dass der logischerweise Süßwasser führende Fluss (Freiberger) Mulde kaum das geeignete Milieu für den
Salzwasserfisch Hering sei und dass Dresden immerhin durch die Elbe direkter mit der Nordsee verbunden sei, was den Hering zwar nicht auf
direktem, so aber doch durch die Elbkähne auf indirektem Wege den kurfürstlichem (bzw. Höflings- und Mätressen-) Gaumen
näherbringe. Dieser simplen Kleinstadtlogik konnten sich die Dresdner nicht verschliessen, bezogen ihre Heringe nur noch via Elbe
und ... Leisnig leistete fortan den "eisernen Hering". Erläutert von Detlef Papstdorf]
Von denen Dienstreisen
1542 reiste Bastian Kraft im Auftrag des sächsischen Kurfürsten von Zwickau nach Wien zu den dortigen Truppen, die im Kampf gegen die Türken standen, und zurück.
Hier ist seine "Dienstreiseabrechnung".
Von gefahrgeneigter Arbeit und Arbeitsunfällen
"A.C. 1608 im Sommer versahe eß der Pulvermacher, liß daß licht inß
Pulver kommen, undt verbrante sich selber dermaßen, daß er des
dritten Tages todt war."
[Aus: Schultz, Christoph. Auff- und Abnehmen der löblichen Stadt Gardelegen, das ist ein kurtzer historischer Bericht. Stendal: Güssow 1668,
mitgeteilt von Uwe Peine]
Vom Rausschmeissen und Umschmeissen
"A.C. 1624 den 14. Juny kam Carolus Rönnicke, ein vornehmer undt wol
gelittener Bürger [in Gardelegen] zum großen Unglück, dan er mit einer eisern schüppe
zum hause heraußgeworfen nach seinem Nachbarn Dreß Tucher einem
Zimmermann, ihn auch getroffen undt zu Tode geschmißen. Er machte
sich ausß dem Staube, undt weil es ungern, nicht animo occidendi [mit
der Absicht zu töten] geschehen war, führte er seine Sache auß. Nach
20 wochen bekam er sicher geleit und hatte jedermann mit seinem
Unglücksfall groß mitleiden. Eß kam dahin, dem gerichte muste er 200
fl. [Gulden] straf undt der witwen des entleibten 100 Thl. [Taler] Blutgeld
geben."
[Aus der Gardelegener Chronik (wie oben), mitgeteilt von Uwe Peine]
Von Studium und praktischem Leben
"Die Schrifft an diesem Thurm [in der Stadtmauer von Jena] ist wegen des daran geworffenen und anklebenden Unflats unleserlich worden. Als zu meiner Zeit
(An. C. 1619.) ein vornehmer Studiosus die Schrifft lesen wolte, und in Gedancken stehet, stösset ihn ein vorüber getriebener und beladener Esel mit seinem
Sacke in Stadtgraben. Jedoch ohne Schaden: Diesen Esel hat die studierende und schertzende Jugend in einem zierlichen programmate uff 99. Jahr
relegiret und verwiesen."
[Beier, Adrian. Architectus Jenensis. Neu herausgegeben von Herbert Koch [Erstauflage 1672]. Jena: Bernhard Vopelius 1936, S. 43.]
Von Studium und wahrem Leben
"..Er hatte einen sehr schmächtigen und schwächlichen Cörper, blieb aber
dabey gesund; wie er denn niemals die Kinder-Pocken gehabt, keine
Beschwerung von Kopfschmerzen gespüret, auch bis in das hohe Alter seine
Zähne sämtlich behalten, bis auf einen einzigen, welcher ihm in dem 60. Jahre
ausgefallen. Er war ungemein fleißig, und betrat einen Garten, welchen er
außer der Stadt besaß, in mehr als 15 Jahre nicht, studierte den gantzen Tag
stehend und bediente sich in mehr als 30 Jahren auf seiner Studier-Stube
keines Stuhles."
[Jöcher, Christian Gottlieb. Allgemeines Gelehrten-Lexikon 1751, Eintrag zu Friedrich Jacob Reimmann; mitgeteilt von
Hans-Peter Ließmann, München. Der Theologe Reimmann gilt als Aufklärer von europäischem Rang. Der Nachdruck
seiner Biographie ist in Vorbereitung.]
Von Theorie und Praxis
"Die Lage einer fremden Gegend kennen,
Der Städte Pracht und ihre Nahmen nennen,
Ist nichts, ist blosse Theorie.
Allein im Städtchen hübsche Mädchen küssen,
Des Dorffes Bier und seine Stärke wissen,
Ist practische Geographie."
["Leipziger Studenten Geographie" von 1773, ein bald von der Zensur verbotener "Kneipenführer" in Form einer Karte (hier zit. nach Faksimile in Metscher, Klaus; Fellmann, Walter. Lipsia und Merkur. Leipzig und seine Messen. Leipzig: Brockhaus 1990, S. 150).
Auch die beiden folgenden Zitate sind hier entnommen.]
Vom robusten Charme mancher Wirte
"[Das Lokal am] Brandvorberg, würde noch mehr von denen Studenten besucht werden, wenn der Hospes sich entgrobte."
Von moralischen Ebern
"Rosenthal. Die schönste Promenade von Leipzig. Freylich giebt es auch viele moralische Eber darinnen, doch dafür kan das gute Rosenthal nicht ..."
Von Steigern und Musikanten
"Sonntags machen die Berghautboisten gewöhnlich Tanzmusik, und der
junge Bergmann verjubelt hier in den Armen seines Mädchens die
übrigen wenigen Groschen seines sauer verdienten Lohns."
[Christian Gottlob Wild, 18. Jh., zitiert nach Teller, Frank. Bergbau und Bergstadt Johanngeorgenstadt.
Johanngeorgenstadt 2001, mitgeteilt von Jürgen Schiffel, Bannewitz. "Hautboisten" wurden im Laufe der Zeit auch
geschrieben "Hotboisten", "Hoboisten", "Oboisten", "Oboe-Spieler".]
Von galantem Rendevous
Dort an dem Stege steht ein amoreux Chapeau, Der putzt sich, sieht sich um, und spannet dabey so, Ob Dulcimene denn nicht bald erscheinen werde, - Es herrscht schon der Affect im Auge und Geberde, Doch jetzt erblickt er sie, macht ihr ein Kompliment, Sie hüpft wie eine Krah, kommt, wie im Sprung gerennt. -
[Lichtenberger, Getraude (Hrsg.). Promenaden bey Leipzig. Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1781. Leipzig: F.A. Brockhaus 1990, S. 12-14. Das folgende Zitat ebd. S. 32-35]
Von Eutritzscher Gosenschänken und ihren Gästen
"[D]ort sitzt ein Medikus, Dafür giebt er sich aus, nennt sich Plethorikus, Er schwatzt von weiter nichts, als nur von seinen Kuren, Dabey zeigt er genau der Krankheit schlimme Spuren, Mengt auch Arcanen mit, und Specifiken ein, Stellt sich dabey gelehrt, versteht gar kein Latein. Doch Recipe schreibt er, und spitzt dabey die Feder, Rasiren kann er auch, streicht Messer auf dem Leder, Plaudert wie Charlatan mit von der Chirurgie, Vom Schaarschmidt, vom Winslow, und von Anatomie. Die Venuskuren, die, versteht er zu kuriren, bey ihm soll keiner nicht das Uebel lange spüren, Er renovirt den Leib mit Pillen und Purganzen, Macht alle Weiber jung, daß sie wie junge tanzen, Kurirt Zahnschmerz, die Gicht, und auch das Podagra, Stirbt ihm ein Patient so ist er nicht mehr da, - Denn vor den Tod hilfts nichts, auch nicht der feinste Klügel, Wer todt ist, wird bedeckt mit einem Grabeshügel. Zwey Aerzte kennt er nicht, Hipokrat und Galen, Denn Griechisch kann er nicht, wie will er sie verstehn! - Botanik ließt er nach in einem Kräuterbuche, und macht es dabey so, wie jener Gärtner Kluge, Der seine Kunst versteht, auch okuliren kann, Und wenn es nicht geräth, so ist was Schuld daran. ..."
[Das 1781 noch selbstständige Dorf Eutritzsch vor den Toren Leipzigs war ein beliebtes Ausflugsziel wegen seiner Wirtshäuser, in denen das berühmte Gosenbier ausgeschenkt wurde. Der "Spaziergang nach Eutritzsch", dem das Zitat entnommen ist, beschreibt neben dem "Medikus" in ähnlicher Weise weitere Typen wie den Wirt, den "altdeutschen Gelehrten", den ewigen Studenten, Betrüger beim Kartenspiel, den "Advokaten", den "jungen Balzer, der schwatzt, wie verliebtes Häschen", usw.]
Von Neuerungen, Moralität und besorgten Pfarrern
"Von diesem Jahr [1860] ist in der Tat nichts zu erzählen, was für unsere
Gemeinde von Bedeutung wäre, als etwa, dass in Niederfrankenhain ein
neuer Gasthof gebaut worden ist. Nur ob dies für die Moralität
dieses Dorfes nicht doch von Bedeutung sein wird, mag die Zukunft
lehren. ... Ich habe von Anfang an erklärt, dass ich aus dieser
Errungenschaft keinen Segen für Niederfrankenhain erwarte und
wünsche nur, dass ich mich getäuscht habe."
[Pfarrer Druschky in der Chronik von Oberfrankenhain, deren Herausgabe im Familienarchiv Papsdorf geplant ist. Die Skepsis
war nicht völlig unbegründet. Alkoholismus war allgemein ein verbreitetes soziales Problem, auch wenn wir nicht wissen, ob sich die Vorhersage
Pfarrer Druschkys gerade für Niederfrankenhain erfüllte.]
Vom Fluch des Fluchens
"In Bautzen [sächsische Oberlausitz] erließ der Stadtrat 1567 eine Verordnung wegen des überhandnehmenden Fluchens und Schwörens. In derselben heißt es: 'Derjenige, welcher wendisch oder deutsch flucht, soll wenigstens drei Stunden am Halseisen stehen'. Diese Strafe fand gewöhnlich Sonntags nach beendetem Gottesdienste statt. In der Nähe des Kirchhofthores, gewöhnlich außerhalb desgleichen, wurden die zu Bestrafenden an eine Säule gestellt und mit dem Halseisen daran befestigt..."
[Zitiert nach "Bunte Bilder aus dem Sachsenlande" 1893; mitgeteilt von Dietmar Seipt, Eltville am Rhein]
Von Hochzeitsfeiern
"Der Dachraum [des Rathauses zu Dippoldiswalde] enthielt den Tanz- und Tuchboden, wo vom 16.-19. Jahrhundert Feste und Tänze abgehalten wurden und sich die Verkaufsstände der Tuchmacher befanden. Im Dachraum wurde wohl die Küchen- oder Garbude mit Bratspießen und sämtlicher Kücheneinrichtung aufbewahrt, die im ganzen an Jahrmärkten und Festen an einen Fleischer zur Aufstellung und zum Betrieb auf dem Marktplatze, ferner zu Hochzeiten und Hausfesten in Haushaltungen gegen ein Benutzungsgeld verliehen wurde, aus der man auch einzelne Geräte verborgte. 1627 mußte David Fleischer mit 6 Groschen Buße belegt werden, weil er zu Jungnickels Hochzeit die Küchenbude hatte einreißen helfen, ein derber Hochzeitsscherz!"
[Knebel, Konrad. Geschichte der Stadt Dippoldiswalde bis zum Jahre 1918. Dippoldiswalde: Carl Jehne 1920. Nachdruck der S. 1-36 in: Gross, Günther (Bearb.). 775 Jahre Dippoldiswalde 1218-1993. Dippoldiswalde: Lohgerber-, Stadt- und Kreismuseum 1992, S. 13.]
Von Schwestern und Gatten
Am 10.01.1681 heiraten in Gräfenthal Hans Martin Wilhelm, Bürger, Müller und Zimmermannsmeister, nachgelassener Sohn des Hans Wilhelm, Bürger und Weißgerber zu Königsee, und Susanna (oder Agathe) Stöcker, Tochter des
Jacob Stöcker. Später lesen wir von dem Bräutigam: "Ist mit seiner Schwägerin, seines ersten Weibes Schwester Anna Elisabeth Stöckerin, davon
gelaufen".
[Mitgeteilt von Michael Weigel, Leipzig.]
Vom Verfall der Sitten
"Maria Catharina Friederika; Johanna Christiana Friederika Ottin, Johann Caspar Ottens hiesigen Bürgers ledige Tochter und Schuhmanns [unterer Seitenrand abgerissen] Töchterlein ward gebohren den 20ten Juni, und den 22 getaufet. Die 2 Pathen waren 1) Johann Georg Becher, nachb[ar]l[icher] Inwohner u. Anspänner in Maina; 2) Maria Margaretha Zwetzin, Hhn [Herrn] Johann Simon Zwetzens, hies[igen] Bürgers u. Kämmerers 3te Tochter.
Zum Vater des Kindes hat sie angegeben einen Ehemann, Johann Nicol Brückner, nachbarlicher Inwohner in Maina u. Mühlentreiber, dermahlen in Jena, welcher auch seines begangenen abermahligen Ehebruchs hirbey zum 2ten mahle in Zuchthausße zu Weimar gesessen. Er sich auch daselbst zum Vater des obigen Kindes bekennet."
[Auszug aus dem Kirchenbuch von Magdala (Thüringen) 1787, mitgeteilt von Rolf Zimmer, Pirmasens]
Von Wein, Weib und Gesang
"Ich komme nun zur Schilderung des hessischen Odenwälders. ... Auch vom süßen Wein, sogenannten Zuckerwein, sind die Frauen große Liebhaberinnen und trinken sich nicht selten einen Rausch, in welchem Zustande sie durch ihr fortwährendes gellendes Jauchzen recht unleidlich sind. ..."
[Duller, Eduard. Das deutsche Volk in seinen Mundarten, Sitten, Gebräuchen, Festen und Trachten. Leipzig: Georg Wigand 1847. Nachdruck Leipzig: Reprint-Verlag o.J. (1990iger), S. 283-285].
Von tugendhafften Weibern
"Sieben Jahr war ich [Pfarrer Johannes Wislicenus (1689-1750)] meines Herrn Vaters Substitut [Vertreter], und weil meine
Frau Mutter kranck und schwach wurde, und die Haushaltung nicht
weiter führen kunte, ward ich genöthiget zu heyrathen, und bekam durch
göttliche Schickung und des Herrn Ambts Verwalters Schlichtegroll
Anführung eine liebe Braut, die Gottesfürchtige Wohl Edle und
Tugendreiche Jungfer Dorothea Maria Wolffin, des Wohl Edlen,
Vesten und Wohlgelehrten Herrn Peter Paul Wolff, Hochfürstl.
Cammer Schreibers und Steuercassierers zu Eisenberg dritte Jgfr.
Tochter, im Jahr 1688, und führte mit ihr eine recht liebreiche
vergnügte Ehe in die 33 Jahr. Sie liebte und Ehrte mich als Ihr Haupt
und Eheherrn. Sie war mir gehorsam und willfährig in allen Dingen; Sie
begegnete mir allezeit mit Güte und Verhütung alles Unwillens, Zancks
und Streits; Sie führte mir die Haushaltung getreulich und veruntreute
mir nichts, that auch nichts ohne mein wissen und willen und war ein
recht tugendhafft Weib."
[Aus dem Lebenslauf des Pfarrers Johann(es) Wislicenus (1689 - 1750), Teilahnenliste Moßdorf der Ahnenliste Schulz, Wislicenus Fußnote 12; mitgeteilt von
Ingo Schulz, Braunschweig]
Von Gerichtsmedizinern und der übermässigen Neigung zum Zeugungsgeschäft
"Es ist nicht allein für eine im Staat gültige und demselben nützliche Ehe nöthig, dass beyde in die Ehe einwilligenden Personen gleiches Vermögen und gleich Neigung zur Zeugung haben; sondern es wird auch anderer Seits dieses Zeugungsvermögen oft gemissbraucht, oder der Besitz desselben ist aus einer oder der andern Ursache irgend einem Zweifel unterworfen. Der Vorwurf der Nichtfähigkeit, oder der übermässigen Neigung zum Zeugungsgeschäft, wird also entweder unter uneinigen Eheleuten, oder nach unehelichen Umarmungen, um deren Folgen abzulehnen, oder sie diesem oder jenem aufzubürden, bald angeschuldigt, bald verläugnet. Es ist daher dieses einer von denjenigen Gegenständen, die den gerichtlichen Arzt mit unter am meisten beschäftigen."
[Metzger, Johann Daniel. Kurzgefaßtes System der gerichtlichen Arzneiwissenschaft. Königsberg, Leipzig: Hartungsche Buchhandlung 1793, hier Siebenter Abschnitt "Zweifel über Zeugungsvermögen". Metzger zieht die Konsequenz, den Grundsatz "in favorem matrimonii" (derjenige gilt als der Vater, der durch die Verheiratung als solcher bezeichnet ist) einzugrenzen. Er fordert 280 Tage als längste mögliche Schwangerschaftsdauer und lehnt es ab, dass man "zu Gunsten der Ehe" mit der alten Ungewissheit des Geburtstermins und mit Ausnahmen argumentiert, es ungern "der Rechtspflege ... überlassend, ob um der weiblichen Schwachheit willen ein späteres Ziel für die Rechtmässigkeit eines Kindes anzunehmen ist". Und weiter:]
Vom Grundsatz "in favorem matrimonii"
"Ich weiss eigentlich nicht, was die Worte in favorem matrimonii heissen sollen; es müsste dann seyn, dass die Herren den Ehemann für einen Packesel halten, dem man auf den Rücken legen kann, was man will. Ich glaube hingegen, dass für die Reinigkeit und Einigkeit in Ehen besser gesorgt wäre, wenn man weger der Rechtmässigkeit der Posthumen genau auf den neunten Monat bestünde. Sollte nicht manchem die Lust zum Heyrathen eher vergehen als beykommen, wenn er sieht, dass es seiner Frau frey steht, nach seinem Tode einem H***kinde seinen Namen und seine Erbschaft zuzuwenden?"
Von Vielweiberei und Kirchenstrafen
Wer nach Daten vor 1820 in den Orten Jerchel, Sachau, Potzehne, Solpke und
Wernitz in der Altmark sucht, findet diese im Kirchenbuch von Berge, welches heute im
Pfarrhaus von Estedt liegt. Das Kirchspiel Solpke war bis 1820 nicht
besetzt, weil um 1520 herum die dortigen Bürger den Pfarrer
gesteinigt hatten. Dieser soll der Vielweiberei nachgegangen sein.
Zur Strafe hatten die Bürger 300 Jahre keinen eigenen
Pfarrer.
[Mitgeteilt von Uwe Peine]
Von Eltern und Kindern
Nur auf den ersten Blick kurios wirkt auf uns heute der hier abgedruckte Hofübergabevertrag von 1815.
Tatsächlich ist er gar nicht heiter, spricht aus seinen peniblen Detailregelungen doch ein (leider wohl nur zu oft
berechtigtes) Misstrauen der Eltern gegen ihre Kinder. Ausdrücklich sichert sich die den Hof übergebende Mutter einen genau definierten
Platz am Ofen: "Hierüber verspricht Käufer nicht nur seiner Mutter in dem anjetzt erkauften Pferdnergut nachstehenden lebenslänglichen Auszug, als die freye Herberge mit ungehindertem Aufenthalte in Käufers ordentl. Wohnstube bey dessen Heizung und Licht, darzu besonders den Platz vom Ofen bis an das hintere Fenster ...". Will sie nicht am Tisch des Sohnes mitessen, steht ihr u.a. zu: "wöchentlich 1 Kanne gute, 1 Kanne
abgelassene Milch, jedoch keine saure ...". Der etwas schwierige Text gibt einen guten Einblick in typische Vermögens- und Lebensverhältnisse der Zeit.
[Mitgeteilt von Detlef Papsdorf, Hungen. Der Text ist ein Vorabdruck der Regesten von Oberfrankenhain, die 2002 in der Schriftenreihe des Familienarchivs Papsdorf erscheinen sollen.
Vorbestellungen an den Herausgeber]
Von Vätern, Töchtern und einem Schachdal Alveranz
"Theuerster Herr Vater!
Niemals bin ich mit gerührterm Herzen aufgestanden, als heute an Ihrem
Namensfeste. Als ich noch zu Hause war, dachte ich an so vieles nicht, an
das ich jetzt theils mit Reue, theils mit Wehmuth denke und da fiel mir denn
auch ein, daß morgen Ihr Namenstag ist, und daß ich nichts habe, womit ich
Ihnen meine Freude darüber bezeigen kann, als ein Herz voll der zärtlichsten
Wünsche für Ihr Wohl, für Ihre Gesundheit, für Ihr Leben. Ja liebster Vater!
Dies ist es alles, und wie weit habe ich noch hin, bis ich Ihnen nur eine
Stunde von den Tausenden vergelten kann, die ich Ihnen nur seit ich lebe,
schuldig geworden bin, und noch täglich schuldig werde? Ich koste Ihnen noch
so vieles und Sie verlangen nur Fleiß und eine gute Aufführung von mir;
wenn ich Sie nun damit auch nicht lohnte, wäre ich wohl noch ferner Ihre
Güte und Sorge werth?
Nein mein bester Vater! Sie sollen keine undankbare Tochter an mir erleben.
Feyerlich verspreche ich Ihnen
an den heutigen Tage wieder, daß ich nicht nur, wie bisher, zu Ihrer
Zufriedenheit sondern mich auch einer
so guten Aufführung befleißen werde, daß ich mich immer mit einem freyen
Herzen nennen darf liebster Vater
Rohrdorf den 23ten April 1847 Ihre
dankschuldige Tochter
Monika Buchauer
Zum hochen [sic] Namensfeste Wünscht Ihnen alles gute erdenkliche Gesundheit und
langes Leben, der Herr Göth und Frau Goden. Liebster Bruder dir wünsche ich
auch Glück zum Namensfeste.
Herr Vater schicken sie mir ein Schachdal Alveranz."
[Mitgeteilt von Irene Wirthinger, die die Abschrift mit der Frage verband, was wohl "ein Schachdal Alveranz" sei. Für dieses
Mal wussten auch die Familienforscher in der AMF-Diskussionsrunde keinen Rat, oder genauer sie wussten viele:
"Liebe Mitstreiter,
vielen Dank für die vielen Mails! Bis jetzt sitze ich noch auf meinem "
Schachdal Alveranz "....
Es waren sehr interessante Theorien darunter und zum Schmunzeln auch etwas.
Dem Hinweis von Petra Hartfiel, das Institut für Pharmaziegeschichte zu
befragen, werde ich nachgehen.
Hier die Zusammenfassung:
Gesellschaftsspiel, Medikament, Götterspeisen, sinnbildliche "Schachdaln",
Süßigkeiten,
und mit Likör gefüllte Pralinen, die man zur Musik Wagners genießt (Edgar
von Buettner aus Brasilien). Letzteres gefiel mir besonders gut.
Herzliche Grüße
Irene (Wirthinger)"
Noch also ist die Frage offen ... Wer weiß Rat?]
Von Chronistenpflicht
"Ich weiß wohl, daß es eine Hauptpflicht der Chronikenschreiber, daß sie das Jahr, ja den Tag einer solchen Stiftung [ein Haus für Pfarrerswitwen] bemerken müßen. Ich kehre mich aber nicht dran. Andre mögen das Jahr davon aufsuchen und in margine beysezen; mir wäre das Nachsehen und Nachschlagen eine große Hinderniß, die mir verdrießlich und abhaltend nach meinen eilenden flüchtigen Trieb fortzuschreiben. Diß will ich ein vor allemahl bey den fehlenden Jahreszahlen angemerkt und die Nachfolger ersucht haben, solche hinzuzufügen."
[Carsted. Atzendorfer Chronik (wie vorgenannt). § 13.]
Von Friedensverhandlungen und Diplomaten
"Nachdem sich nun dieses Frieden Fest etliche Stund in die Nacht verzogen, haben die anwesende[n] Helden noch einmahl als Soldaten spielen wollen, und so wol unter als ober Gewehr in den Saal bringen lassen, Befehlhaber ... erwehlt und alle Obr[isten] und Oberst Leut zu Mußquetierern gemacht, umb die Tafel herumb marchirt, Salve geschossen, in guter Ordnung auff die Burg gezogen und daselbst die Stück vielmahln loßgebrandt [die Musketen abgeschossen], nachmahln aber seynd sie in ihrer ruckmarche vom Herrn Obr[ist] Crafft (weil nunmehr Friede seye) Schertzweiß abgedankt und ihrer Dienst erlassen worden. ..."
[ [Birken, Sigmund von]. Kurtze Beschreibung des Schwedischen Friedenmahls / gehalten zu Nürnberg den 25. Herbst-Monats 1649. O.O.: 1649, S. [4] über die abschließende Festveranstaltung der sog. Friedensexekutionsverhandlungen, bei denen in Nürnberg die Detailregelungen des Westfälischen Friedens festgelegt wurden. Die "Helden" sind die versammelten Diplomaten nach sechs Gängen nebst entsprechender geistiger Getränke.]
Von Kirchenrecht, besorgten Eltern und den Waffen einer Frau
1482 fand auf Veranlassung des Administrators des Erzbistums Bremen eine Visitation des Zisterzienserinnen-Klosters Harvestehude nördlich von Hamburg statt. Wohlhabende Hamburger Kaufleute pflegten ihre unverheirateten Töchter dort unterzubringen. Sie setzten den "Klosterjungfrauen" Renten aus, die es ihnen ermöglichten, ein angenehmes Leben im Kloster zu führen. Das widersprach dem Armutsgelübde der Nonnen. Auch sonst stand es mit der Klosterzucht in Harvestehude nicht zum Besten. Als die geistlichen Visitatoren eintrafen, waren die Eltern der Klosterjungfrauen empört. Leicht konnte es mit dem angenehmen Leben ihrer Töchter vorbei sein. Sie protestierten beim Hamburger Rat. Die Bürgermeister Langenbeck und Huge begaben sich zur Vermittlung zu den Visitatoren ins Kloster. Die empörten Eltern folgten ihnen, drangen durch das Tor oder über die Mauern kletternd in den Klosterhof ein und protestierten vor dem Kapitelsaal. Als ein Kaplan des Erzbischofs herauskam, um sie zu beschwichtigen, überschütteten sie ihn mit Hohn. Catharina Arndes, Schwiegertochter eines Ratsherrn, schlug schließlich Kaplan und Visitatoren in die Flucht "durch lichting ... erer Kleider".
Dem entblößten Hintern folgte ein kirchenrechtlicher Streit: Nicht der Erzbischof von Bremen sei für die Visitation zuständig, sondern der Abt des Klosters Rheinfelden. Im übrigen - so die aufgebrachten Kaufleute - habe man in Bergen schon mal einen Bischof erschlagen. Auf Grund des durch eine Wirtschaftskrise ausgelösten Aufruhrs im folgenden Jahr 1483, dem schwersten und gewalttätigsten in Hamburgs Geschichte im Mittelalter, und einer Nachfolge im Amt der Äbtissin verlief der Versuch einer neuen Visitation nach einigem Hin und Her im Sande. Am Ende blieb alles beim Alten.
[Gekürzt zitiert nach Christiansen, Ragnvald. Hamburg. Geschichte einer Stadt, in der viele unserer Vorfahren lebten und wirkten. Bonn: Autor 1999, S. 77-79.]
Von fortschrittlichen Theologen
"Dieser Dorfgarten ist zwar nicht weit [vom Pfarrhaus], und ob ich gleich zwar, anfänglich zur Verwunderung der Leute, hir die Mode einführte, ungekleidet im Nachthabit, als Schlafrock oder Couteysche, [durchs Dorf] in diesen Garten zu gehen, so liegt mir doch jener viel bequemer."
[Carsted. Atzendorfer Chronik (wie vorgenannt). S. 25.]
Von feingeistigen theologischen Disputen
"Der von Hamburg nach Hildesheim zurück gewiesener und widerum nach Hamburg mit einer eylfertigen Depesche abgefertigter Courrier an den Lutherischen Affter-Pfaffen oder vielmehr in einem auffgepufften Kragen verschlossenen Affen Johann Friedrich Meyer."
[Titel einer anonymen Streitschrift von 1696 gegen den anti-pietistischen Theologen Johann Friedrich Meyer (1650-1712). Meyer war einerseits ein äußerst produktiver und gelehrter Mann, andererseits ein starker Polarisierer, der z.B. 1692 die Schrift verfasste: "Der sich selbst verurtheilende Christian Thomasius, Daß er ein Calumniante [Verleumder] und Ehren-Dieb sey, In einem freundlichen Schreiben gezeiget". Seine Kanzelfehde mit dem Theologen Johann Heinrich Horbius, der Mystikern und Pietisten nahestand, führte im Frühjahr 1693 zu regelrechten Straßenschlachten zwischen "Mayeranern" und "Horbianern" in Hamburg].
Von Weltlichem und Geistigen
"Es ist auch eine schändliche Gewohnheit eingerissen auff den
Dörffern , daß die Bauren auf- und an den hohen Festen, als
Weihnachten, und Pfingsten, ihre Säufferey, bald Abends des Festes
anfangen/ und die Nacht über treiben, und Morgends die Predigt
entweder gar verschlaffen oder truncken in die Kirchen kommen und
darinnen wie die Säu schlaffen und schnarchen."
[Churf[ürstlich] Sächs[ische] Kirchen-Schulordnungen aus dem Jahr 1708, S. 104; Nachdruck in Vorbereitung in der "Kleinen Sachsen-Reihe"
des Familienarchiv Papsdorf, mitgeteilt von Detlef Papsdorf.]
Vom Duellieren
"Ein furchtbares, bis jetzt noch nie dagewesenes Duell hat kürzlich in Amerika stattgefunden. Zwei Musikanten in New=York, von denen der eine den anderen schwer beleidigt hatte, haben sich auf Pianinos geschlagen. Der Kampf hat 48 Stunden gedauert. Ohne Essen und Trinken, ohne auch nur eine Minute zu pausiren, haben die beiden Widersacher während dieser ganzen Zeit auf ihren Instrumenten herumgedroschen. Tanzstücke waren dabei ausgeschlossen. Einer hat 580 Mal hintereinander das Miserere aus dem Troubadour gespielt. Als er es zum 581sten Male herunterorgeln wollte, fiel er bei den ersten Tacten wie vom Blitz niedergeschmettert, todt zu Boden. Der zweite der Duellanten hat nach dem nächsten Spital gebracht werden müssen und befindet sich in Lebensgefahr. Sämmtliche vier Zeugen legen Symptome einer beginnenden Geisteszerrüttung an den Tag. Die Instrumente sind vollzählig, was man 'zerdroschen' nennt."
[Altonaer Nachrichten vom 25. September 1872, mitgeteilt von Jürgen Laudi]
Vom Besuch fremder Gärten und nachfolgends Obduktionen
"Hannss Goerge Schlevogt, Toffels Sohn, ein Schaffknecht, ging mit
noch 2 andern nach Ottstedt, in einem Garten stehlen, ward ertappet
u. also geschlagen, dass er in 12 Tagen hernach darüber starb, sein
Leib ward besichtigt, sein Häupt geöffnet, und er darauff d. 30.
7br. [September], gegen Abend, ohn Leichenpred. begraben; Seines Alters 27 Jahr."
[St. Johannes-Kirche Magdala 1699 Seite 701 Nr. 15, mitgeteilt von Lothar Schlevoigt, Melsungen]
Von Verbrechern und Schnellzügen
"Seiner Schuhe und Strümpfe war Ende Januar 1912 der Bahnwärter Hempel in Mockrehna [bei Leipzig] beraubt worden. Das Opfer, im
Begriff, seinen Dienst im Bahnwärterhäuschen aufzunehmen,
hatten um Mitternacht auf dem Doberschützer Weg kurz vor dem
Bahnhof Mockrehna zwei Unbekannte überfallen. Sie beraubten
das Opfer und übergossen es mit einem Kübel kalten Wassers,
so dass der Mann im Augenblick bewusstlos wurde. Hempel
konnte sich mühsam zum Bahnhäuschen schleppen, wo er
noch rechtzeitig den Schnellzug in dienstlicher Vorschrift
erwartete."
[Zeitungsmeldung aus dem Jahr 1912, abgedruckt in der Leipziger Volkszeitung vom 15.04.2002 und mitgeteilt von Kerstin Hartfiel]
Von Rechtsanwälten, auch Advocaten oder Iuris Consultus
Michael Weber, Peter Gansberg, Andreas Bandau:
Klagens- und Recess-mäßigen Ahndens-wehrtes Beyspiel / So Offenbahrlich
übelgehandhabter Justice, Als noch dazu obenein erwiesenen halsstarriglich
verstockten Ampts-Frevels / Selbst in klahrer / öffentlich-versichertes
Capital betreffender / bereits auch ordentlich-abgeurtheilt und würcklich /
Krafft ergangener Rücklieferung/ und Zuschreibung ex primo Decreto,
Landsittlich-exequirt gewesener Achterfolgungs-Sache / Nicht aus unartiger
Splitter-Richt-Sucht / noch Verpfuyens-würdiger Lästerungs-Begierde / sondern
aus Pflichtmäßigen Eyfer /... Der hochpreißlichen allgemeinen
Bürgerschafft /... unterthänigst zu Gemühte geführt... [Hamburg] 1707. 28 Bll.
[Polemische Schrift zu einem Rechtsstreit vor dem Hamburger Niedergericht,
die insbesondere dem dortigen Advokaten Dieterich Anckelmann (1672-1715) bewusste Fehlentscheidungen vorwirft.
Anckelmann reagierte unverzüglich mit 2 Entgegnungen auf "die falschen
calumnieusen Beschuldigungen" der "Schmähcharteke". Näher s. Bd. 7 der Schriftenreihe.].
Vom Backen und Beten
Georg Kupfer (Gutsbesitzer Oberfrankenhain Nr. 18), Thomas Bechstein (dito Nr. 39) und Georg Legel sollen am 18.10. unter der Predigt den Backofen geheizt haben (Kirmeskuchen!). Sie werden alle drei mit Geld bestraft.
[Amtsgericht Geithain Nr. 638 S. 167 vom 21.10.1716, mitgeteilt von Detlef Papsdorf, Hungen]
Von kulinarischen Genüssen
"Bekanntmachung - betreffend die Maikäfersuppe, als eines vortrefflichen, gesunden und kräftigen Nahrungsmittels. Ohngeachtet in alter und neuer Zeit von namhaften Aerzten auf dieses Nahrungsmittel ist aufmerksam gemacht worden, so giebt es doch noch viele Leute, welche dasselbe verachten, ja sich für befugt halten, darüber zu spotten. Deshalb hält der Unterzeichnete es für seine Pflicht, von Neuem diese Benutzung des allerdings als eine verderbliche Landplage sich geltend machenden Thieres zu empfehlen. Die Maikäfersuppe wird bereitet, wie die Krebssuppe. Die Käfer, von welchen man 30 Stück auf eine Person rechnet, werden, so so wie sie gefangen oder in Honig aufbewahrt sind, gewaschen, dann in einem Mörser gestoßen, in heißer Butter hart geröstet, in Fleischbrühe aufgekocht, durchgeseiht, beliebig gewürzt und hinreichend gesalzt und über geröstete Semmelschnittchen angerichtet. Die dazu bestimmte Fleischbrühe kann dünn sein, denn sie wird durch die Kraft der Maikäfer so vorzüglich, daß selbst verwöhnte Gaumen sie schmackhafter und kräftiger finden, als Krebssuppe. Nur Vorurtheil kann dieses treffliche, namentlich für sehr entkräftete Kranke, z.B. Nervenfieberconvalescenten, äußerste wohltätige Nahrungsmittel fernerhin noch geringschätzen. Bezirksarzt Dr. Groh."
[Nossener Anzeiger 22/1863 - gelesen in "Der Heimatbote 10/ 1998" und mitgeteilt von Detlef Papsdorf]
Von Meteologie, Gewölke und dem Hintern der Winkelspinne
"Wenn aber ... die untergehende Sonne blaß ist, oder sich gar hinter dunkles und finsteres Gewölke versteckt; ... die Insekten Menschen und Vieh ungewöhnlich plagen, alte Schäden oder Hühneraugen ungewöhnlich jucken; die Abtritte ungewöhnlich stinken ... und die Winkelspinne aus ihrem Gewebe den Hintern zeigt; so ist ein Regentag zu erwarten ...
[Götzinger, Wilhelm Lebrecht. Schandau und seine Umgebungen oder Beschreibung der sogenannten Sächsischen Schweiz. Nachdruck der 2. Aufl. Dresden: Berger'sche Buch- und Kunsthandlung 1812. Dresden: Verlag der Kunst 1991, S. 355]
Von Luftfahrt und schröcklichem Sturmwind
"Anno 1695 indem am H. Pfingsttag entstanden schröcklichen Sturmwind, der
strichweise in Hölzern, Gebäuden, Feldern großen Schaden angerichtet, hat
Samuel Fritzsche zu Zöblitz gesehen, wie über den Gottesacker daselbst ein
Knabe anzusehen 13 oder 14 Jahren, in der Luft mit angezogenen Beinen
fortgeführet wurde."
[Lehmanns Historischer Schauplatz des Meisn(ischen) Ober Erzgebirgs S. 412; mitgeteilt von Gretel Bauermann,
Solingen]
Von Gesundheitsreformen
1676 wird den Ärzten durch den Rat der Stadt Leipzig verboten, Medikamente durch "Possenreißer, Hanswürste oder Marktschreier" an das Volk zu bringen.
[Künnemann, Otto; Güldemann, Martina. Geschichte der Stadt Leipzig. Gudensberg-Gleichen: Wartberg 2000, S. 49].
Von der Syphilis, auch Lustseuche, morbus gallicus oder Franzosenkrankheit
1498 bis 1501 tobt der "Leipziger Syphilisstreit". Kontrahenten sind die Professoren der dortigten medizinischen Fakultät Martin Pollich aus Mellerstedt und Simon Pistoris. Während Pollich in Anlehnung an Niccolo Leoniceno einen Einfluss der Gestirne bestreitet, hält Pistoris die Konstellation der Planeten für entscheidend. Pollich wird später erster Rektor der neugegründeten Universität in Wittenberg.
[Kästner, Ingrid. Thom, Achim (Hrsg.). 575 Jahre Medizinische Fakultät der Universität Leipzig. Leipzig: Johann Ambrosius Barth 1990, S. 13.]
Von Wirtschaft und Wahrheit
Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, weist in seiner Schrift "Vom Holtz Guaiaco gründlicher Heilung" auf die Unwirksamkeit des teuren Guajakholzes bei Syphilis hin. Die Fugger, die am Import und Handel des Holzes aus Übersee kräftig verdienen, wenden sich an Heinrich Stromer von Auerbach, Besitzer des u.a. durch Goethes Faust berühmten "Auerbachs Keller" und Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig von 1523 bis 1542. Auerbach erwirkt ein Druckverbot des Nürnberger Rates für Paracelsus Werke. Der Guajakhandel bleibt einstweilen ein wichtiger Faktor für die Geschäfte der Fugger.
[Kästner, Thom a.a.O. 1990, S. 13 f. Zur Familie Stromer von Auerbach s. die Stammliste nach Conrad Stromer, zu Heinrich Stromers
akademischer Karriere Bd.15 der Schriftenreihe (Rivinus 1719)].
Von Wirtschaft, Tricotagen und fernen Kunden
"Denn es werden hier [in Neustadt i.Sa. und Sebnitz] alle Artikel leinene Waaren bis zur feinsten Qualität gearbeitet, die nach Hamburg, Spanien, Portugall, Italien und die Barbarei versandt werden."
[Götzinger. Schandau und seine Umgebungen (wie oben) 1812, S. 276]
Vom freien Wort im Wirtshause
"Heinrich Wichgrebe. ANno Christi 1642. den 27. Tag Decembris ist der Wohl=Edler / Gestrenger / Vester und Mannhaffter Herr / Heinrich Wichgrebe /
Königl. Schwedischer gewesener Obrister=Lieutenant zu Fuß / dieser guten Stadt [Hamburg] wohlbestalter sechs=jähriger Obrister=Wachtmeister; Nachdem er in einer Gasterey bey vorsetzlicher Zunöhtigung /
Verunglimpffung / und dahero enstandenen Unwesen / unvermuhtlich von vielen insgesamt angesprenget / und zuvor wehrloß gemacht / durch zwey Stiche
von zweyen zugleich hieselbst in seinem Vaterlande gantz erbärmlich entleibet / und folgenden 8. Januarii anhero Christlich zur Erden bestättiget / seines Alters 45. Jahr.
Dessen abgeleibten Cörper / den nebenst der Seelen GOtt genade / allhie die gerechte Rache und fröhliche Auferstehung durch Christum erwartet."
[Theodor Anckelmann, Johann Albert Fabricius. Inscriptiones Antiqvißimæ & celeberrimæ Urbis Patriæ Hamburgensis. Hamburg 1706, Nr. LI (S. 21). Nachdruck Bonn: Bernhard Pabst 2001.]
Von Alter, Krankheit und menschlicher Verzweiflung
"Johann Friedrich Böhme, Auszüger in Müdisdorf, stand in dem 77. oder 78sten Jahr seines Alters, und gerieth
auf die Gedanken, sich selbst zu entleiben, und sein Leben zu verkürzen, und zwar durch einen Schnitt mit
einem Barbiermesser in den Hals, wegen allzugroßer Angst, welche ihm ein Gebrechen in seinem Leibe
verursachet, darüber er auch öfters geklaget.
Solch That nahm er vor am 24. Aug. 1793. in denen Vormittags Stunden, ist aber nicht gleich, sondern
erstlich in denen Abendstunden gestorben. Er war ein Mann, dem man nichts böses nachsagen konnte. Das
Gottes Haus hat er sonst fleißig besucht; keine Predigt versäumet, das Wetter hat mögen gut oder
schlecht seyn. Zu Hause hat er seinem Gott mit Beten und Singen auch fleißig gedienet. Das heil. Abendmahl
hat er auch öfters genossen, und zwar vor 4 Wochen zum letztenmahl.
Seit einem Jahr aber haben seine Leibesumstände den öffentl. Gottesdienst abzuwarten nicht wollen
verstatten; doch hat er zu Hause seinem Gott zu dienen, wie ich glaube, niemals unterlassen. Da er
nicht gleich von diesem Schnitt, welcher sehr klein gewesen, und wenig Blut daraus geflossen, gestorben,
so hat er ohnfehlbar seine That bereuet, auch noch zu Gott geseufzet, Er möchte ihn erlösen, und von seiner
Angst befreyen. Und es ist zu wünschen u. zu hoffen, daß ihn Gott erhöret, und zu Gnaden angenommen. Am 26.
Aug. gegen Abend ist er in der Stille begraben worden.
Der allmächtige und barmherzige Gott behüte einen jeden Christen vor dergleichen bösen Gedanken und
Vornehmen!"
[Kirchenbuch Helbigsdorf/Erzgebirge, To. 1693-1793, S. 477; mitgeteilt von Arne Steinbacher. Selbsttötung galt
der Kirche stets als schwere Sünde und Verstoß gegen das Gebot "Du sollst nicht töten". Deswegen musste der
verzweifelte Alte auch (ähnlich einem Mörder) unehrenhaft "in der Stille", d.h. ohne Kirchengeläut und Singen, begraben
werden. Tröstlich an dem Geschehen ist einzig, dass der Pfarrer sichtlich um Verständnis für die menschliche
Extremsituation bemüht ist und den "Täter" entlastende Aspekte hervorhebt (tadelloser Lebenswandel vor der "Tat",
"tätige Reue" danach). Auch der folgende Auszug berichtet von einem schrecklichen Tod:]
Von kurtzweiligen Räthen, Armut und Tod
"Mittwochs den 8 Januarii nachmittage umb 3 Uhr wurde von Dobitschen ein
armer Mann herauff nach Lumpzig in großer Kälte gebracht, u. weil er gar
geringe Kleidung angehabt, ist er sonder allen Zweiffel von der großen Kälte
ermattet und an Georg Kanths Hauß gar gestorben, da er zuvor auff dem Wege
von Dobitschen herauff offt zu Gott geseüft u. geflehet, er wolle sein Elend
ansehen u. ihn abspannen, welcher auch von der hiesigen Gemeinde mit
Anschaffung eines Sargk in Begleitung des Pfarrers u. Schulmeisters u.
etzlicher Schüler Christlich zur Erden bestattet worden. Er soll mit Namen
Peter Hoberge heißen, u. soll des Fürsten aus Holstein von Wiesenburg Hof
Narr u. Kurtzweiliger Rath gewesen seyn."
Später fügte der Pfarrer noch hinzu:
"Dieser arme Mann hat mit dem Zunahmen geheißen Peter Eyerkuchen, u. von
Ober-Nauendorff hinter Zeitz bürtig gewesen."
[Lumpziger Kirchenbuch 1679, mitgeteilt von Jürgen Kühnert, München]
Von geschäftigen Ruhestätten
"Vormahls war der Kirchhof [in Atzendorf, ca. 30 km südlich von Magdeburg] beständig offen. Die Schweine wühlten in den frischen Gräbern, und die Schulbediente erzogen ihre Gänse darauf."
[Carsted. Atzendorfer Chronik, geschrieben Mitte des 18. Jh., wie oben § 6 (S. 19). Der Hrsg. Stegmann merkt dazu 1928 an:
"Über solche Friedhofsschändung wurde vielfach geklagt. Die Kirchenverordnung von 1739 für das Herzogtum Magdeburg bringt daher eine besondere Friedhofsordnung mit Bestimmungen über Verwahrung und Sauberkeit der Friedhöfe."]
Von Kurfürsten, armen Sündern und Cadaveris Letztgenannter
Dekret des Kurfürsten Friedrich August ("August der Starke") o.J. [Anfang 18. Jh.] in dem verfügt wird, dass
"alle [im Kur- und Leipziger Kreis] einbezirckte Obrigkeiten, Aembter, und Städte, welche mit denen Ober=Gerichten, und der Criminal-Jurisdiction beliehen, wenn sie einen, zum Tode, durchs Schwerdt, oder Säckung, verurtheilten armen Sünder abthun zu lassen, vorhabens, der Medicinischen Facultät zu Leipzig, und Wittenberg, oder dem Anatomico, solches notificiren, und dergleichen Cadavera von denen gerechtfertigten Übelthätern, auff Verlangen, ohne Auswürckung eines neuen Befehls, iederzeit an dieselben, iedoch, daß die Abholung auff der Facultät Kosten geschähe, zur Secir- oder Anatomirung abfolgen lassen ...".
[Zit. nach Faksimile in Kästner, Thom a.a.O. 1990, S. 15. Die Jahreszahl des Dekrets ist nicht angegeben.]
Von Korrekturhinweisen
"Gründliche und bescheidne Belehrung über eingeschlichene Unvollkommenheiten werde ich dankbar annehmen."
[Götzinger. Schandau und seine Umgebungen (wie oben) 1812, S. 10]
Allen bisherigen und künftigen Einsendern von Zitaten herzlichen Dank.
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